Dienstag, 2.Dez.2008
Ärzte haben im Auftrag der Invalidenversicherung einen Mann für 100 Prozent arbeitsfähig an «8,5 Stunden pro Tag» erklärt. Am nächsten Tag musste der 38-jährige Schweizer mit einem Loch in der Lunge notfallmässig ins Kantonsspital Aarau eingeliefert werden, wie «10vor10» berichtet.
In den letzten Jahren ist es für Betroffene deutlich schwieriger geworden, eine Invalidenrente (IV) zu erhalten. So wurden zum Beispiel im Kanton Aargau vor Jahren rund 30 Prozent der Antragssteller einer IV-Rente abgelehnt. Heute sind es schon rund 40 Prozent.
Unter dieser Praxisverschärfung leiden jene, die tatsächlich krank sind und Anspruch auf eine IV-Rente hätten. Beispielsweise Franco Del Popolo: Nach einem unverschuldeten Autounfall erhält er eine halbe Invalidenrente. Routinemässig will ihn die IV Mitte Mai medizinisch überprüfen.
Bereits Tage vor der Untersuchung leidet der 38-jährige Aargauer an Schmerzen in der Lunge. Del Popolo klagt gegenüber «10vor10» an: «Ich habe dem untersuchenden Arzt gesagt, ich leide unter Atemnot und Stechen in der Lunge. Doch ich wurde vom Arzt nicht ernst genommen.»
Im Auftrag der Invalidenversicherung hört ein Arzt am Berner Inselspital die Lunge ab und hält im medizinischen Gutachten für die IV fest, dasss die Lunge gesund ist.
«100 Prozent arbeitsfähig. An 8,5 Stunden pro Tag,» hiess das Urteil des Arztes. Am nächsten Morgen weist Del Popolos Hausarzt ihn notfallmässig ins Kantonsspital Aarau ein.
In zwei mehrstündigen Operationen retten die Aargauer Ärzte sein Leben, müssen dem 38-jährigen am Brustkorb gar mehrere Rippen entfernen. Diagnose: Loch in der Lunge. Das Inselspital Bern kontert: «Wir haben keine Fehler gemacht.» Dies hält der verantwortliche Professor fest. Das Loch in der Lunge müsse bei Franco Del Popolo spontan nach der Untersuchung aufgetreten sein. Vinzenz Baur, Leiter der Invalidenstelle des Kantons Aargau sagt jedoch gegenüber «10vor10»: «Was passiert ist, ist ein schlimmes Erlebnis. Wir wollen uns nicht aus der Verantwortung stehlen und entschuldigen uns bei Franco Del Popolo.» Der ehemalige Verkaufsleiter erhält derweil weiterhin keine volle IV-Rente.
(sf/horm/fasc/1. Dez. 2008, 19:02)